Köln. In der letzten Zeit bin ich ganz schön wütend. In solchen Momenten schwitzen meine Hände. Mich überkommt die schier unbändige Gier in die nächstgelegene Tischkante zu beißen, gaaaannnnz laaaange durchzuatmen und zu hoffen, dass beim nächsten Ausatmen das Unbehagen verschwunden ist. Meist völlig vergebens. Und die Anspannung hat sich in Sekundenschnelle über den ganzen Körper gelegt. Meine Ohren können sich nur noch auf das Brodeln des Blutes konzentrieren, welches mit hoher Geschwindigkeit durch die Adern fließt. Siegessicher die Grenzen der Körperlichkeit verlassen zu können. Dies ist meist der passende Zeitpunkt für meine Hände sich fest an den Stuhlsitz zu krallen oder manchmal an die Schultern meiner Nachbarin, der ich gerade im Sinne der Nächstenliebe anbot, sie mal kräftig zu massieren. Das Ablenkungsmanöver läuft dann auch nicht so optimal, insbesondere wenn meine Nachbarin im Flüsterton mich fragt: „Hast du das auch gerade gehört? Ich als Frau ohne Kinder kann bestimmte Sachen ja eh nicht verstehen, hat die das ernst gemeint???“ Sofort ist es mit der inneren Ruhe wieder vorbei und die Empörung breitet sich aus und überträgt sich. Jedoch was bleibt mehr als nur eine kurzweilige Empörung, die in der Mittagspause verflogen ist? Nachdem der Magen gefüllt ist, klappe ich erneut meine Ohren nach innen und irgendwie höre ich erst mal nichts. Starre. Resignation und vielleicht noch etwas verborgen ein wenig Verwunderung. Ich wundere mich, dass ich in Seminaren sitzen muss, wo es nicht selbstverständlich ist, erst mal bei Themen wie „Sexualisierte Gewalt“ Triggerwarnungen auszusprechen, damit die Menschen, denen wie mir ab und an die Ohren auch platzen, schon mal vorher den Raum verlassen können. Ich bin schockiert, wenn es um das Tabu „Sexismus und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz geht, dass anderen sofort Geschichten aus ihrem Gedächtnis kramen und „Fälle“ kennen, in denen natürlich die Frau gelogen hat. Ich wundere mich, dass es scheinbar echt schwer ist, mit Ich-Botschaften zu arbeiten. Dabei ist das doch eigentlich eine großartige und entlastende Angelegenheit. Denn ich übernehme für mich Verantwortung und ehrlich muss ich eingestehen, damit bin ich völlig ausgelastet. Hier und da auch tatsächlich mal überfordert. Ich bin resigniert und schüttle irritiert mit dem Kopf: Warum meinen andere für mich definieren zu müssen, was für mich richtig und falsch ist??? Mache ich einen so hilflosen Eindruck? Und ja, ich möchte mich über menschenverachtendes Verhalten unterhalten und wundere mich über die Abwehr. Abwehr, wenn es darum geht, sich selbst zu hinterfragen und nach den eigenen verinnerlichten Bildern zu suchen. Dabei macht es mir echt Freude. Und dann denke ich hin und wieder … verdammt Fehler und das eigene Scheitern sind sogar hin und wieder das Salz in der Suppe. Ich freue mich, wenn ich den selbst auferlegten Perfektionismus ablegen kann und entdecke ich kann mein Unbehagen teilen. Nach kurzer Irritation, Scham und Hilflosigkeit ist es mir in einer vertrauten Atmosphäre möglich, laut darüber nachzudenken, wie ich das nächste Mal mit dem Unbehagen umgehen kann und wie ich aushalte, dass ich mich mal nicht so mächtig und allwissend fühle. Ich bin wütend über Diskussionen, die unterschwellig transportieren, was ein „besserer Feminismus“ sei. Ich hasse es, mich eingeklemmt zu fühlen zwischen den Polen – entweder oder. So als gäbe es lediglich schwarz und weiß. So als wäre das menschliche Leben und Denken nicht auch ein Prozess der Veränderung. Ich werde sprachlos, wenn die Wut das Ruder übernommen hat und wünsche mich auf eine einsame Insel, um den Kopf in den Sand stecken zu können. Ich bin die Diskussionen um Professionalität leid. Eine Professionalität und scheinbare Wertefreiheit und Wissenschaftlichkeit, die meint bestimmen zu können, wie „die Anderen“ sich fühlen, leiden und verhalten zu haben.
Damit die Resignation, Starre und Hilflosigkeit nicht bleiben, damit ich mich nicht entscheide, einfach mit Ohrstöpseln taub durch den Alltag zu laufen, brauche ich die Hoffnung. Und ich brauche Menschen um mich, die mir erlauben und mir die Plattform bieten, mich selbst hinterfragen zu können. Und ich brauche Menschen, die mit mir lachen, wenn ich mal auf dem Holzweg war. Ich brauche Menschen, die mich darauf aufmerksam machen, wenn ich blind und Angst vor dem Verlust von Privilegien, wild um mich schlage und dabei vergesse, dass ich kein Recht habe, anderen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben und Alltag gestalten zu haben. Und für heute: ich brauche auf keinen Fall die Sendung mit Günther Jauch. Denn ich bin schon satt und meine Wut, Resignation und Irritation reichen für ein ganzes Leben. ABER ich wünsche mir Lebensglück, diese Schatzsuche mit einigen Wirrungen und Irrungen bereitet mir wesentlich mehr Freude. Und ich bin dankbar, dass ich wählen kann zwischen Wut und Freude.





