Die große Unsichtbarkeit

Gender2 in Die große UnsichtbarkeitMeinen Abstecher nach Berlin hatte ich mit einem Besuch im  Schwulen-lesbischen Museum verbunden. Nach dem Rundgang blieben eher Frustration und Enttäuschung in Erinnerung. Denn ich suchte vergeblich nach neuen Impulsen und Informationen über die feministische Lesbenbewegung. Nur wenige Dokumente lassen feministische Lesben sichtbar werden. Auch meine Erwartung, insbesondere in dem einst Ost-West geteilten Berlin, Hinweise auf die feministische Lesbenbewegung in der DDR zu finden, wurden nicht erfüllt. Stattdessen sind mir in alltäglichen Begegnungen tradierte, männlich-dominierte Frauenbilder aufgestoßen, die bei mir den Wunsch nach einer eigenen Amazonen-Insel (Wonder Woman lässt grüßen) bestärkten. Vor allem dann,  wenn das vermeintlich emanzipierte Frauenbild ostdeutscher Frauen im Vergleich zu westdeutschen weiblichen Erdenbürger_innen sichtbar wurde im Sinne:

Ostdeutsche Frau = sexuell offener, unkomplizierter und williger = ostdeutsche Emanze = SEXISMUS PUR!

Um nicht in der eigenen Unzufriedenheit zu verharren und Wissenslücken zu schließen, stöberte ich ein wenig im Netz und bin fündig geworden:

1982 und in den darauf folgenden Jahren gründeten sich zahlreiche Frauengruppe in der DDR. Von 1989 bis 1998 existierte der Unabhängige Frauenverband (UVB). Zur Gründung versammelten sich unter dem Motto: „Wer sich nicht wehrt, landet am Herd“ ca. 1200 Frauen in Berlin. Im Januar 1989 erschien erstmalig die lesbische Zeitschrift „frau anders“, die von Lesben aus Jena herausgegeben wurde. Ab 1984 organisierten Hallenser Frauen jährlichen Frauentreffen. Im März 1990 wurde die erste Tagung: Geschichte und Perspektiven von Lesben und Schwulen in den neuen Bundesländern veranstaltet. Im Dezember 1991 folgte eine erneute Auseinandersetzung.  Hierzu schreibt Christina Schenk:

„In der zweiten Hälfte der 70er Jahre begann die evangelische Kirche der DDR unter dem Eindruck staatlicher Repressionen gegenüber Andersdenkenden in noch stärkerem Maße als bisher all jenen Raum und Schutz zu bieten, die sich im Zusammenhang mit solchen Themen wie Ökologie, Frieden, Menschenrechte und Feminismus kritisch mit der Wirklichkeit auseinander-setzten. So konnte sich 1982 in Leipzig die erste institutionalisierte Homosexuellengruppe der DDR gründen. Innerhalb kurzer Zeit erfolgten unter dem Dach der Kirche weitere Gruppen-gründungen in Großstädten.“

Weiterhin macht Christina Schenk deutlich, um sich mit den  Lebensstrategien lesbischer Frauen in der DDR auseinandersetzen zu können, ist es erforderlich, dass normative und sexistischen Frauenbild zu hinterfragen:

„Die Frau in der DDR war in selbstverständlicher Weise in die gesellschaftlich als wichtig erachteten Aufgaben eingebunden – wenngleich keinesfalls mit den gleichen Chancen für die persönliche und selbst bestimmte Entwicklung wie Männer sie hatten. Im propagierten Frauenleitbild fehlten zwar eindeutig sexistische Elemente, dennoch blieb es aus dem ökonomistischen Blickwinkel heraus einseitig! Die „Normalfrau” war qualifiziert, berufstätig, Partnerin eines Mannes und Mutter sowie darüber hinaus noch „gesellschaftlich aktiv”. Alternative Lebensentwürfe oder Lebensweisen insbesondere hinsichtlich Partnerschaft hatten in der offiziellen Propaganda keinen Platz. Die geltend gemachten Wert- und Normvorstellungen bzgl. Mutterschaft und Familie wurden nicht in Frage gestellt. So haben Frauen in der DDR aufgrund ihrer ökonomischen Selbständigkeit einerseits die Möglichkeit, Alternativen zur Mann-Frau-Beziehung zu leben, jedoch wird dies andererseits dadurch sehr erschwert, dass Anderes in den Leitvorstellungen, die im Sozialisationsprozess und im alltäglichen Leben vermittelt werden, nicht vorkommt.“

Auch Gunna Bohne berichtet von Überlebensstrategien und dass die Lesbenbewegung Ostdeutschlands nur im Kontext einer feministischen Auseinandersetzung mit normativen und internalisierten Rollenbilder zu betrachten ist:

„In unseren Lesbengruppen fanden sich auch viele Frauen ein, die andere Überlebensstrategien ge-wählt haben: Die Flucht vor sich selbst oder/und ihrer heterosexuellen Umwelt in eine Ehe (mit oder ohne Kinder), die Flucht in das (oder das ängstliche Verharren im) Elternhaus als oft einzige menschliche Bindung – sofern die Kontakte nicht gerade durch die “Offenbarung, lesbisch zu sein”, tief zerstört wurden. Auch das Verstecken und Leugnen der Frauenbeziehung als Liebesbeziehung, oft gekoppelt an die prüde Sexualerziehung in der Familie mit allen Verklemmtheiten, haben das lesbische “Coming out” unzähliger Lesben der älteren Generation tief geprägt und ihre Sozialisation zu gesunder, offener, selbstbejahender Weise behindert.“

X5GA45 220x320 in Die große UnsichtbarkeitLinks & Quellen:

Frauengruppen unter dem Dach der Kirche – weibliche Opposition in der DDR

Unabhängiger Frauenverband (UVB)

Die ostdeutsche Frau an sich

Geschichte und Perspektiven von Lesben und Schwulen in den neuen Bundesländern

Warum wir so gefährlich waren – Film über Lesbenbewegung in der DDR

Lesben und Schwule in der DDR – Tagungsdokumentation

In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

Lesbengeschichte

Geschlechtsspezifische Ungleichheit

Nur ein blog! – Lesben in der DDR 

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